Selbst wenn es bei bestimmten genetischen Konstellationen eine hohe Wahrscheinlichkeit für
den Erwerb einer Neurodermitis gibt, muss diese Erkrankung kein Schicksal bleiben. Es gibt Möglichkeiten, diese zu verhindern oder stark einzudämmen. Allerdings müssen Eltern sehr früh mit geeigneten Maßnahmen beginnen.
Zu den atopischen Erkrankungen, die in den letzten Jahrzehnten deutlich an Häufigkeit zugenommen haben, zählen neben dem allergischen Schnupfen und/oder der allergischen Bindehautentzündung, das allergische Asthma bronchiale und insbesondere das atopische Ekzem (Neurodermitis).
Das atopische Ekzem ist eine entzündliche, chronisch verlaufende Hauterkrankung, die nicht ansteckend ist. Ihr vorherrschendes Symptom ist der Juckreiz. Häufig tritt die Erkrankung im Säuglings- und Kleinkindalter in Form von festhaftenden Schuppenkrusten am behaarten Kopf auf, die wie verbrannte Milch aussehen, weshalb der Begriff Milchschorf geprägt wurde. Bis zum zweiten Lebensjahr sind vor allem Gesicht, Hals, die Streckseiten der Arme und Beine sowie die Hand- und Fußgelenke betroffen. Es finden sich Hautrötungen, welche zum Teil nässen beziehungsweise Krustenauflagerungen aufweisen. Mit zunehmendem Alter treten dann die typischen Beugenekzeme an Kniekehlen und Ellenbeugen auf (Rötung, Schuppung, Vergröberung der Hautfelderung, Kratzspuren).
Es besteht kein Zweifel daran, dass eine erbliche Veranlagung als Grundbedingung für das Auftreten eines atopischen Ekzems anzusehen ist. Derzeit ist davon auszugehen, dass verschiedene Gene auf mehreren Chromosomen für die atopische Veranlagung verantwortlich sein können, es sich also um eine polygene Vererbung handelt.
Das Risiko, dass ein Kind ein atopisches Ekzem, einen Heuschnupfen oder ein Asthma entwickelt, ist am höchsten, wenn beide Elternteile unter der gleichen atopischen Erkrankung leiden (60 bis 80 Prozent). Das Risiko, wenn kein weiteres Familienmitglied an einer dieser Erkrankungen leidet, ist deutlich geringer (circa 15 Prozent). Trotz einer bestehenden starken erblichen Beeinflussung kann die Entwicklung von Krankheitserscheinungen ausbleiben oder aber mittels einer medizinischen Behandlung erfolgreich verhindert, verzögert oder abgeschwächt werden.
Das erstmalige Auftreten oder die Verschlechterung eines bereits bestehenden atopischen Ekzems hängt von zahlreichen Umweltfaktoren ab. Eine Therapie der Neurodermitis führt nur dann zum Ziel, wenn alle Faktoren, die die Krankheit auslösen oder unterhalten, erkannt und behandelt werden.
Auf der Grundlage einer ausführlichen Erhebung der Krankheitsgeschichte werden sämtliche möglichen Einflussfaktoren erfasst.
Im Rahmen der Diagnostik gilt es abzuklären, welche unspezifischen Reize zu der typischen Austrocknung und/oder Irritation der Haut mit nachfolgendem Juckreiz führen (z.B. Waschmittel, Kleidung, Sonnenlicht, Klimafaktoren und biogene Amine wie z.B. Histamin).
Bei Kindern mit atopischem Ekzem ist außerdem zu beachten, dass auch Inhaltsstoffe der verwendeten Lokaltherapeutika oder Pflegepräparate zur Auslösung beziehungsweise Unterhaltung der Neurodermitis beitragen können. Daher ist bei älteren Kindern im Einzelfall auch die Durchführung eines Pflastertests (Epikutantest) sinnvoll.
Die Rolle allergischer Reaktionen beim atopischen Ekzem ist im Einzelfall genau zu überprüfen. So lassen sich bei Kindern mit Neurodermitis häufig sogenannte Soforttyp-Sensibilisierungen gegenüber zahlreichen Umweltallergenen mit verschiedenen Hauttestungen (vor allem dem Pricktest) und Blutuntersuchungen (Nachweis spezifischer Immunglobulin E-Antikörper (IgE) mittels z.B. CAP-RAST bzw. EAST) nachweisen.
Hierzu zählen insbesondere Nahrungsmittel, aber auch Hausstaubmilben, Tierhaare und Pollen. Jedoch muss mittels Karenz (Meidung) und/oder Provokationstests individuell ermittelt werden, wie sich das Allergen auf die Auslösung und Unterhaltung des atopischen Ekzems und somit auf das Hautbild auswirkt oder ob es sich hierbei lediglich um eine Begleiterscheinung einer gesteigerten IgE-Produktion ohne Bedeutung für die Neurodermitis handelt.
Insbesondere die Rolle der Nahrungsmittelallergie wird bei der Neurodermitis immer wieder kontrovers diskutiert. In verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Nahrungsmittel bei 20 bis 40 Prozent der Neurodermitiker (bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen) die Erkrankung unterhalten bzw. neue Schübe auslösen können. Für Säuglinge und Kleinkinder sind Milch, Hühnerei, Soja, Weizenmehl, Haselnuss, Fisch und Erdnuss die häufigsten Auslöser, während dies für die Erwachsenen die sogenannten pollenassoziierten Nahrungsmittelallergene (rohes Kern- und Steinobst, Nüsse, Sellerie, Kräuter und Gewürze, Erdnuss, Fisch und Getreide) sind. Wesentlich seltener als die natürlichen Nahrungsmittel führen Nahrungsmittelzusatzstoffe wie Farb- und Konservierungsstoffe zu einer Verschlechterung eines atopischen Ekzems.
Um die individuelle und aktuelle Bedeutung von Nahrungsmitteln für die Auslösung der Hautveränderungen zu überprüfen, sind verschiedene Diätverfahren notwendig.
Der Erfolg jeder Therapie beim atopischen Ekzem ist unmittelbar abhängig von der Einbindung der Kinder beziehungsweise ihrer Eltern in das Therapiekonzept sowie ihrer Mitarbeit. Aus diesem Grund nimmt die Patientenschulung einen wichtigen Stellenwert im Behandlungskonzept der Neurodermitis ein.
Durch spezielle medizinische und psychologische Schulungsprogramme werden die Kinder und ihre Eltern über ihre Erkrankung umfassend informiert und lernen, wie sie ihre individuelle Therapie auch zu Hause weiterführen können.
Mittels der derzeit zur Verfügung stehenden diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten ist es zumeist möglich, ein erfolgreiches individuelles Behandlungskonzept für die betroffenen Kinder zu entwickeln.
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