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DAAB - Deutscher Allergie- und Asthmabund e.V.
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Lebensmittel-Ampel Nutri-Score: Unzureichende Bewertung

 /  Marina Oppermann

Beim Einkaufen hat sich wohl jeder schon die Frage gestellt: Ist das, was ich kaufe, eigentlich gesund oder nicht?
Seit längerem wird eine Kennzeichnung auf der Verpackung angestrebt, damit Verbraucher gesunde von ungesunden Lebensmitteln unterscheiden können.
Aber ist es tatsächlich so einfach, Produkte in Kategorien einzuteilen? Kann man einzelne Lebensmittel überhaupt seriöserweise in „gesund“ oder „ungesund“ kategorisieren? Dr. Nicolai Worm (Ernährungswissenschaftler, München) und Dr. Imke Reese  (Ernährungsberatung und -therapie Allergologie, München) klären auf.

Was macht eine gesunde überhaupt Ernährung aus?

  • abwechslungsreich
  • gemüsebetont (bei einem bewegungsarmen Lebensstil und/oder Übergewicht: Bevorzugung stärkearmer Sorten)
  • ausreichend Fett und Eiweiß, um optimale Magenverweil- und Transitzeiten zu erzielen und um damit essentielle Nährstoffe bereit zu stellen sowie Sättigung und Sattheit zu fördern
  • Meiden von stark verarbeiteten Lebensmitteln
  • Minimierung der Zufuhr von raffinierten Getreideprodukten
  • Minimierung der Zufuhr von Zucker insgesamt (nicht nur Haushaltszucker)

Diese Kriterien werden durch die Bewertung des Gehalts an Energie, gesättigten Fetten, Zucker und Salz NICHT beziehungsweise nur sehr bedingt erfasst. Wie sinnvoll ist also die bildliche oder farbliche Bewertung nach diesen Kriterien? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden.

Was spricht für die Bewertung des Zuckergehaltes?

Wissenschaftlich nachvollziehbar ist allein eine Reduzierung von Zucker. Der Verzehr zuckerhaltiger Getränke wird als ein wichtiger Grund für Übergewicht, nicht-alkoholische Fettleber und damit für eine Reihe von Zivilisationskrankheiten angesehen. Eine Reduktion von Zucker ist generell sinnvoll – aber vor allem für Menschen mit chronischer Inaktivität und für jene mit Übergewicht und Fettleibigkeit.
Allerdings ist die Bewertung von Zucker nur dann sinnvoll, wenn jede Art von Zucker einbezogen wird und die Bewertung nicht auf Haushaltszucker begrenzt ist. Gerade der häufig als Ersatz angepriesene Fruchtzucker, der überproportional in „Obstsüße“ wie Agavendicksaft oder anderen Dicksäften enthalten ist, fördert die Verfettung des Körpers noch stärker als Haushaltszucker und ist ein großes Risiko für nicht-alkoholische Fettleber und Gicht.  Da in verarbeiteten Produkten sicher kein frisches Obst enthalten sein wird, ist der Ansatz, über „Obst“ die Bewertung zu verbessern, eher bedenklich.
Aus gastroenterologischer Sicht ist zudem zu bedenken, dass der Austausch von Zucker durch Zuckeralkohole und Süßstoffe nur bedingt sinnvoll ist. So können Zuckeralkohole nicht nur, wie deklariert, bei höherem Verzehr abführend wirken, sondern auch Blähungen, Durchfall, Krämpfe etc. auslösen oder begünstigen. Süßstoffe sind hinsichtlich dieser Beschwerden unbedenklich, stehen aber genau wie Zuckeralkohole (z. b. Xylit, Sorbit und Erythrit) im Verdacht, das Darmmikrobiom möglicherweise negativ zu beeinflussen und andere negative Effekte auf den Körper zu haben.

Was spricht für die Bewertung des Energiegehaltes?

Ohne Frage ist es nicht sinnvoll, mehr Energie aufzunehmen, als der Körper benötigt. Nur lassen sich die Folgen für die Energiebilanz am Ende des Tages nicht an der Kalorienzahl eines Lebensmittels festmachen. Denn die gleiche Menge Kalorien aus Fett wird hormonell anders gesteuert als aus Protein und wieder anders als die aus Kohlenhydraten. Während die Kalorien aus Protein eher sättigen, werden jene aus raffinierten Kohlenhydratquellen und Zucker eher Hunger machen. So fördern die einen Kalorien eher Überernährung, während die anderen eher der Gewichtskontrolle förderlich sind.
Darüber hinaus kommt es darauf an, in welcher Kombination und Relation zueinander Lebensmittel verzehrt werden. Diese verschiedenen Aspekte kann eine Bewertung nach oben genannten Pauschalkriterien nicht erfassen.

Was spricht für die Reduktion von gesättigten Fettsäuren?

Gesättigte Fettsäuren lösen, abhängig davon, ob gleichzeitig viel oder wenig Stärke und Zucker konsumiert werden, völlig unterschiedliche Effekte im Fettstoffwechsel aus. Eine sehr hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren (und Nahrungscholesterin) führt bei gleichzeitig stärke- und zuckerarmer Kost zu besonders niedrigen Anteilen von gesättigten Fettsäuren im Plasma bzw. Gewebe.  Es gibt auch keine hinreichende Beweislage dafür, dass „gesättigte Fette“ das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen erhöhen oder sonst nachweisbaren negativen Einfluss auf Zivilisationskrankheiten haben. Die vielen verschiedenen gesättigten Fettsäuren lösen im Körper auch völlig unterschiedliche Effekte aus. Zudem wirken gesättigte Fettsäuren, eingebunden in die natürliche Matrix des Nahrungsmittels, anders als bei isolierter Zufuhr. So findet man gerade beim Konsum von Milch und Milchprodukten mit dem höchsten Anteil an gesättigten Fettsäuren aller tierischen Nahrungsmittel, günstige Stoffwechseleffekte, die eher mit einer Schutzwirkung in Bezug auf Adipositas, Fettleber, metabolisches Syndrom, Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen einhergehen.

 

Was spricht für die Reduktion von Salz?

Die durchschnittliche gegenwärtig in Deutschland konsumierte Salzmenge ist entsprechend der Auswertung von Langzeitbeobachtungsstudien nicht mit einem erhöhten, sondern sogar mit dem niedrigsten kardiovaskulären Risiko und der niedrigsten Sterblichkeit assoziiert. Von der geforderten Salzreduktion profitieren höchstens Patienten mit Bluthochdruck durch eine leichte Minderung ihres Blutdrucks. Bei Patienten mit normalem Blutdruck ist keine Senkung zu erwarten.
Generell gilt: Eine niedrige Salzzufuhr aktiviert den Regelkreis zur Steuerung des Volumenhaushalts des Körpers und führt zu einer  erhöhten Kaliumausscheidung, was mit einer schlechten kardiovaskulären Prognose assoziiert ist. Gleichfalls werden andere unerwünschte Nebenwirkungen durch eine niedrige Salzzufuhr bewirkt, wie Förderung von Insulinresistenz und erhöhte Stresshormon- und Blutfettspiegel. Dies mag zum Teil erklären, warum in den Langzeitbeobachtungsstudien mit der geforderten niedrigen Salzzufuhr eine ERHÖHTE Sterblichkeit beobachtet wird. Bei der geforderten pauschalen Salzreduktion für alle, wird zudem völlig ignoriert, dass Salz bzw. Natrium und Chlorid essenzielle Elemente sind und viele Aufgaben im Körper erfüllen. Weiterhin bleibt unbeachtet, dass durch geringe Salzzufuhr lebenswichtige Funktionen gestört sind. Niemand weiß bis heute genau, welchen Einfluss eine Salzreduktion auf harte klinische Endpunkte hat, da bis heute KEINE EINZIGE randomisiert-kontrollierte Studie zur Salzreduktion mit harten Endpunkten existiert!
Vor dieser Datenlage konkrete Empfehlungen zur Salzreduktion zu geben, widerspricht allen Regeln der evidenzbasierten Medizin!

 

Fazit:

Die zur Diskussion stehenden Kriterien zur Bewertung von verarbeiteten Lebensmitteln sind nach gegenwärtig bester wissenschaftlicher Evidenz ungeeignet, die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern.

Wir bedanken uns bei Dr. Imke Reese und Dr. Nicolai Worm für die differenzierte Beleuchtung des Themas!